Anziehungskraft des „Goldenen Dreiecks“ ist stärker als der Brexit

von Elrico Tschann

Anziehungskraft des „Goldenen Dreiecks“ ist stärker als der Brexit

Die Investitionen vom Kontinent in Start-ups auf der Insel legen deutlich zu. Dabei sind Fintech-Unternehmen besonders beliebt. Doch die Gründer treffen auch Vorkehrungen, um für Eventualitäten gewappnet zu sein.

Großbritanniens Tech-Unternehmen sind bei europäischen Investoren beliebter denn je. 1,89 Milliarden Pfund (2,21 Milliarden Euro) konnten sie im vergangenen Jahr auf dem Kontinent einsammeln, 14 Prozent mehr als im Vorjahr und 2,4 Mal so viel wie 2015 vor der Brexit-Entscheidung, zeigt eine aktuelle Untersuchung der britischen Kanzlei Penningtons Manches. Besonders engagiert sind Investoren aus Frankreich und den Niederlanden, die jeweils 450 Millionen Pfund anlegten. Aus Deutschland kamen 330 Millionen Pfund.

Seit dem Brexit-Referendum vor fast drei Jahren geht im Land die Sorge um, dass britische Start-ups in Scharen das Land verlassen könnten oder gleich anderswo gründen. Die jungen, technologiefokussierten Unternehmen rekrutieren einen erheblichen Teil ihrer Mitarbeiter aus dem großen Pool ausländischer Studenten und Arbeitnehmer im Land, insbesondere aus anderen EU-Staaten.

Sie schätzen die multikulturelle Atmosphäre der britischen Universitätsstädte. Das bevorstehende Ende der Freizügigkeit mit EU-Staaten, komplizierte Zuwanderungsregeln und die sonstigen Brexit-Unsicherheiten dürften das Gründerklima deutlich verschlechtern, sind viele Beobachter seit dem Referendum überzeugt.

„Trotz der Auswirkungen des Brexits bleiben Großbritannien und seine führenden Technologie-Unternehmen attraktiv für ausländische Investoren, die nach Anlagemöglichkeiten in innovative und wegweisende Technologien suchen“, sagte Rob Hayes, zuständig für Technologieunternehmen bei Penningtons Manches.

Vor allem das sogenannte goldene Dreieck, die Standorte London, Cambridge und Oxford mit ihren renommierten Universitäten, aus denen viele Unternehmensgründungen hervorgehen, würde Investoren aus aller Welt anziehen.

Start-ups aus dem Finanzsektor gefragt

Für erhebliches Interesse bei europäischen Investoren sorgten Start-ups aus dem Finanzsektor. Das meiste Geld konnten dabei die jungen Finanzdienstleister Oaknorth (Kredite für den Mittelstand), Monzo und Atom (zwei Bankanbieter) einsammeln. Auch CMR Surgical, die minimal-invasive Robotik für die Chirurgie entwickeln, und das Reiseangebot Culture Trip gehören dazu. Mit Robert Bosch Venture Capital ist neben französischen und schwedischen Kapitalgebern auch ein deutscher Investor prominent vertreten.

Anders als die Investitionen aus Europa sind die weltweiten, ausländischen Investitionen in britische Start-ups von dem Spitzenwert 2017 mit 6,1 Milliarden Pfund auf 4,2 Milliarden Pfund zurückgegangen. Vor allem Investoren aus Asien zeigten sich zögerlich.

Trotz des Rückgangs liegt die gesamte Investitionssumme um mehr als das Doppelte über dem Ergebnis von 2016. Ein gutes Drittel der Investoren stammt aus den USA. Außer Fintech interessieren insbesondere Firmen aus den Bereichen künstliche Intelligenz und Blockchain.

Angesichts der anhaltenden Unsicherheit über den Brexit und das künftige Verhältnis Großbritanniens zum wichtigen europäischen Markt senden Investoren ganz unterschiedliche Signale zur Attraktivität des Marktes. David Rubenstein, Co-Gründer der US-Kapitalanlagegesellschaft Carlyle, hat sich eher vorsichtig geäußert und betont, dass der Brexit dem Land nicht guttue. „Der Brexit ändert nichts an meinem Appetit auf eine große Investition in Großbritannien“, sagte dagegen die Investment-Legende Warren Buffett erst vor einigen Tagen.

Start-ups bereiten sich auf Brexit vor

Viele Start-ups treffen Vorkehrungen, um möglichst flexibel reagieren zu können. „Bisher hat sich für uns nichts geändert“, sagte Loubna Bouarfa, Gründerin von Okra, einem Start-up, das mithilfe von künstlicher Intelligenz Daten für Medizin- und Pharmaunternehmen auswertet. Dennoch hat sie sich entschieden, neben dem Standort Cambridge ein zweites Standbein des Unternehmens in Delft aufzubauen.

Auch Michael Kent von dem jungen Zahlungsverkehrsdienstleister Azimo hat sich für die Niederlande entschieden und eine Banklizenz in Amsterdam beantragt. Das kleine Büro dort soll dann je nach Bedarf wachsen.

„Es ist gut, europäische Investitionen weiter wachsen zu sehen, aber wir sollten nicht selbstgefällig sein“, warnt auch James Went, Partner bei Penningtons Manches. Die Qualität der Investitionsmöglichkeiten und die Nähe zum Kontinent dürften vermutlich auch künftig dafür sorgen, dass Investoren aus Europa die Insel im Blick behalten. „Aber es ist wichtig, dass Großbritannien für europäische Wissenschaftler und Unternehmer einladend bleibt.“ Sonst könnten Anziehungskraft und Verbindungen rasch nachlassen.
© Axel Springer

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